Plaudern, flirten oder gar erotische Gespräche führen. All das funktioniert mit KI und wird auch teilweise schon so genutzt, wie die aktuelle Studie „KI im Alltag“ der Pronova BKK zeigt. Warum sie entlasten kann, aber echte Bindung nicht ersetzt und bisweilen sogar zu Eifersucht führt, erklärt Patrizia Thamm, Referentin der Gesundheitsförderung bei der Pronova BKK, Wirtschaftspsychologin und Trainerin für Resilienz und Achtsamkeit.
Pronova BKK: Patrizia, etwa jede*r 4. der 18- bis 29-Jährigen holt sich Tipps von einer KI für die Partnersuche. Jede*r 2. Deutsche kann sich dies vorstellen. Auffällig ist: Gerade Jüngere bewerten ihre Erfahrungen mit Ratschlägen von der KI deutlich seltener als gut oder sehr gut als die Bevölkerung. Wie erklärst du dir das?
Thamm: Das überrascht mich nicht. KI kann bei der Partnersuche durchaus helfen, Interessen klarer darzustellen, um kompatiblere Matches zu bekommen oder Gesprächseinstiege zu finden. Aber Dating folgt keiner reinen Logik. Es geht um Persönlichkeit, Timing, gegenseitige Sympathie und echte zwischenmenschliche Chemie. Genau das kann KI nicht berechnen oder optimieren.
Pronova BKK: Rund 25 % der unter 30-Jährigen bearbeiten Bilder und Texte für Dating-Plattformen mit Hilfe digitaler Tools. Steigt dadurch die Chance auf mehr Dates oder nur der Druck, perfekt zu sein?
Thamm: Der soziale Druck zur Perfektion steigt. Es entsteht eine Spirale aus Vergleichen, Selbstoptimierung und dem Wunsch, möglichst makellos zu wirken und zu gefallen. Das Problem ist: Ein Single wird dadurch nicht automatisch erfolgreicher im Dating. Oft wird es für sie oder ihn sogar schwieriger, weil die Selbstpräsentation von der Realität entkoppelt wird, die Authentizität leidet und das überhöhte, unrealistische Erwartungen weckt. Das kann den Selbstwert belasten.
Pronova BKK: Wann kippt diese Form der Optimierung aus deiner Sicht?
Thamm: Die Optimierung kippt dann, wenn sie nicht mehr unterstützend eingesetzt wird, sondern verzerrt. Problematisch wird es, wenn das Bild der dargestellten Person so stark bearbeitet ist, dass er oder sie im echten Treffen kaum wiedererkannt wird. Wenn nicht mehr gefragt wird: Passt das zu mir? Sondern nur noch: Wie komme ich besser an? Dann steht nicht mehr die echte Verbindung, sondern nur noch die reine oberflächliche Außenwirkung im Fokus. Dann steigt am Ende die Wahrscheinlichkeit von Enttäuschung und Ablehnung. Optimierung ist hilfreich, solange sie verstärkt, wer man wirklich ist. Sie kippt, wenn sie beginnt jemanden zu ersetzen, der man nicht ist. Authentizität bleibt gerade beim Kennenlernen entscheidend.
Pronova BKK: 45 % der unter 30-Jährigen, die in einer Partnerschaft leben, können sich eine erotische und romantische Beziehung mit einem Chatbot vorstellen und 65 % sogar als Ersatz für eine menschliche Beziehung. Was sagt das über die junge Generation aus?
Thamm: Das ist ein skurriles Ergebnis. Es zeigt, wie stark sich Bedürfnisse und Rahmenbedingungen verändert haben. KI bietet vermeintlich genau das, wonach sich viele Menschen sehnen: emotionale Sicherheit. Gerade für eine Generation, die mit komplexen Dating-Dynamiken auf Social-Media-Plattformen zu tun hat, wirkt das natürlich attraktiv. Ein Chatbot ist berechenbar, jederzeit verfügbar und richtet sich stark nach den individuellen Bedürfnissen und Erwartungen des Nutzenden. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch eine reduzierte emotionale Belastbarkeit und wie schwer vielen inzwischen Frustrationstoleranz und Konfliktfähigkeit fallen. Spannungen im Beziehungskontext werden am liebsten vermieden. Aber genau das gehört zu echten Beziehungen nun einmal dazu.
Pronova BKK: Fast jede*r 3. glaubt, dass digitale Anwendungen Partnerschaften künftig zumindest teilweise ersetzen können. Kann KI das?
Thamm: Nein, das glaube ich nicht. KI kann einzelne Aspekte ergänzen, aber keine echte Beziehung ersetzen. Partnerschaften leben vom gemeinsamen Wachstum, körperlicher Nähe und echter Wechselseitigkeit mit emotionaler Tiefe und Resonanz, Unvorhersehbarkeit und Spannungen. All das kann KI nur sehr eingeschränkt oder gar nicht leisten. Was sie kann, ist entlasten: Sie kann emotionale Unterstützung bieten und Impulse geben. Gerade in schwierigen Phasen kann das stabilisierend wirken. Aber langfristig ersetzt das keine echte Partnerschaft. Ich glaube eher, dass in solchen Zustimmungswerten auch eine gewisse Befürchtung steckt: dass KI in Zukunft stärker in Beziehungen hineinwirkt, weil sie schon heute in vielen Lebensbereichen als Ratgeber genutzt wird.
Pronova BKK: Vor allem Männer sprechen mit einem Chatbot offener über Probleme als mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner. Gleichzeitig wäre es für 37 % ein Trennungsgrund, wenn die Partnerin oder der Partner persönliche Probleme mit der KI teilt. Wie erklärst du dir diesen Widerspruch?
Thamm: Auf den 1. Blick wirkt das widersprüchlich, aber eigentlich steckt dahinter dieselbe Dynamik. Der Chatbot senkt die Hemmschwelle, weil keine direkte Bewertung stattfindet und man das Gefühl hat, sein Gesicht wahren zu können. Das erleichtert Offenheit. In einer Partnerschaft gelten jedoch andere Regeln. Dort geht es um Vertrauen, Exklusivität und das Gefühl, dass bestimmte Themen in die gemeinsame Kommunikation gehören. Wenn Probleme stattdessen mit KI besprochen werden, kann das als emotionale Untreue erlebt werden.
Pronova BKK: Welche Emotionen spielen dabei noch eine Rolle?
Thamm: Dazu kommt ein Gefühl von Kontrollverlust: Was passiert mit diesen Informationen? Welche Impulse gibt die KI? Macht sie mich als Partner*in vielleicht ersetzbar oder weniger relevant? Auch Eifersucht kann da eine Rolle spielen. Das Ergebnis, dass KI einerseits als Trennungsgrund und andererseits als geeigneter Gesprächspartner für Beziehungsprobleme dienen kann, mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, ist aber psychologisch durchaus begründbar.
Pronova BKK: Fast doppelt so viele Männer wie Frauen würden KI nutzen, um ihr Sexleben zu verbessern oder für Dirty Talk. Was sagt das über die heutigen Rollenbilder aus?
Thamm: Ich glaube, auch hier spielt das Bedürfnis nach einem urteilsfreien Raum eine große Rolle. Bei der KI muss niemand Ablehnung, Abwertung oder Leistungsdruck fürchten. Insofern kann KI wie ein geschützter Raum erscheinen. Manchmal geht es dabei vielleicht auch um Wünsche oder Vorlieben, die in echten Beziehungen nicht ausgelebt werden oder schwer anzusprechen sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass KI Intimität ersetzen kann. Vielmehr zeigt es, wie groß das Bedürfnis nach Sicherheit, Kontrolle und einem akzeptanzorientierten Raum ist.
Pronova BKK: Kann KI eine Beziehung sogar verbessern?
Thamm: Ich würde sagen sie kann die Beziehung bereichern, wenn wir die Technologie klug einsetzen. KI kann in emotionsgeladenen Situationen helfen, Gedanken zu sortieren oder auch Distanz zu schaffen, bevor ein Konflikt eskaliert. Sie kann dabei unterstützen, Bedürfnisse klarer zu formulieren oder die Perspektive des Gegenübers besser zu verstehen. Das kann für Beziehungen gewinnbringend sein. Entscheidend ist aber, dass KI nicht die wechselseitige, lebendige Kommunikation ersetzt und nicht als gleichwertiger Beziehungspartner verstanden wird. Die eigentliche Beziehungsgestaltung bleibt im Kern eine zwischenmenschliche Aufgabe.